Allgemein

An all jene*, die denken, V*r*g*w*lt*g*ngswitze seien kein Problem

Dies ist die Übersetzung eines Kommentars, der ursprünglich in Shakesville [1] erschien und später als eigenständiger Artikel veröffentlicht wurde.

**Inhaltswarnung: V*r*g*w*lt*g*ngskultur und V*r*g*w*lt*g*ngswitze. Ausschreibung V*r*g*w*lt*g*ng.

Die Zielgruppe dieses Artikels sind all jene, die sich darüber informieren möchten, welche praktischen Auswirkungen Vergewaltigungswitze haben. Dieser Artikel richtet sich vorwiegend an Männer**. Nicht etwa, weil Frauen** nicht vergewaltigen oder Frauen nicht selber Witze über Vergewaltigungen machen oder über Vergewaltigungswitze lachen oder weil Männer nicht Opfer von Vergewaltigungen werden könnten. Doch leider ist es in unser Gesellschaft noch immer so, dass Männer als Gesprächspartner ernster genommen werden, dies gilt auch, wenn sie Einwände gegen vergewaltigungensverharmlosende Umgangssprache und Vergewaltigungswitze vorbringen. Männer sollten außerdem gegenüber anderen Männern geltend machen, dass nicht alle Männer vergewaltigen oder Vergewaltigung auf die leichte Schulter nehmen. Männer können hier eine Vorbildrolle für andere Männer einnehmen.

An all jene, die denken, dass Vergewaltigungswitze kein Problem sind:

Ich versteh’s ja – Du bist ein anständiger Kerl. Ich glaub dir. Du hast nie jemanden vergewaltigt. Du würdest auch NIE jemanden vergewaltigen. Dich nerven diese Feminist_innen, die versuchen, dir etwas vorzuwerfen oder dich mit etwas in Verbindung bringen, dass du selbst niemals tun oder auch nur dulden würdest.

Dir wurde auch von Triggern (″Schlüsselreizen″) und Posttraumatischen Belastungsstörungen erzählt und dass statistisch eine von sechs Frauen in ihrem Leben vergewaltigt wurde. Du verstehst das. Wirklich. Aber man kann sich ja schließlich nicht jedes Mal davon abhalten lassen, Spaß zu haben, weil sich irgendwer von irgendwas gestört fühlt, oder? Vor allem, wenn es doch gar nichts zu bedeuten hat. Diese Vergewaltigungswitze haben DICH doch niemals dazu gebracht, raus zu gehen und zu vergewaltigen. Das könnten sie niemals; das würden sie niemals. Deshalb verstehst du einfach nicht, warum diese Witze ein Problem sind.

Ich werde dir erklären, warum diese Witze ein Problem sind. Ich erkläre dir das, weil ich denke, du meinst es ernst, wenn du sagst, dass du niemanden verletzen möchtest, dass es dir wichtig ist, dein Bestes zu geben, um ein anständiger und guter Mensch zu sein und dass du nicht verstehst welchen Schaden diese Witze anrichten. Ich glaube dir wirklich, wenn du sagst, du würdest dich niemals mit einem Vergewaltiger verbünden und du davon überzeugt bist, dass Vergewaltigung eine wirklich schlimme Sache ist.

Darum kann ich bei Vergewaltigungswitzen nicht still bleiben

6% aller Männer im Hochschulalter, also ungefähr einer von 20, gaben in anonymen Umfragen zu, jemanden vergewaltigt zu haben, solange das Wort Vergewaltigung in der Beschreibung des Vorgangs nicht explizit genannt wird. [2] Und dabei handelt es sich um eine moderate Schätzung. In anderen Studien ist diese Zahl doppelt so hoch.

Viele Leute beschuldigen Feminist_innen, sie würden denken, alle Männer seien Vergewaltiger. Das ist nicht wahr. Willst du wissen, wer glaubt, alle Männer seien Vergewaltiger?

Vergewaltiger glauben das.

Sie glauben das wirklich. Laut psychologischen Studien. Laut Profilanalyse in der Kriminalistik. Studien bestätigen es immer und immer wieder. [3]

Nahezu alle Vergewaltiger glauben, dass wirklich alle Männer vergewaltigen und andere Männer es eben nur besser zu vertuschen wissen. Und mehr noch, durch Vergewaltigungswitze, die Vergewaltigung als Normalität erscheinen lassen und bagatellisieren, werden diese tatsächlichen Vergewaltiger permanent in ihrem Weltbild bestätigt, alle anderen Männer seien auch Vergewaltiger.

Wenn also einer von 20 Typen (oder sogar mehr) ein echter Vergewaltiger ist und du in einem bestimmten Umfang soziale Kontakte pflegst, so ist es statistisch sehr wahrscheinlich, bei einem Treffen mit Freunden und deren Freunden, beim Onelinezocken mit einem Haufen Typen, in einer Gilde von World of Warcraft, beim Basketball spielen, in einer Bar oder sonstwo, auf einen echten Vergewaltiger zu treffen. Das ist nicht deine Schuld. Du kannst einen Vergewaltiger nicht erkennen. Genauso wenig wie andere das können. Sie stellen sich schließlich nicht als Vergewaltiger vor.

Und das ist das Problem. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass irgendwann im Rahmen sozialer Aktivitäten, jemand einen Vergewaltigungswitz erzählt hat. Du, als anständiger Kerl, hast natürlich verstanden, dass es nicht ernst gemeint war, sondern nur ein Witz. Also hast du gelacht.

Vielleicht hast du auch nicht gelacht. Vielleicht war der Witz nicht sonderlich witzig. Also hast du vielleicht keine Reaktion gezeigt.

Und du, als anständiger Kerl, der Vergewaltigung niemals dulden würde, der sofort einschreiten würde, bekäme er eine Vergewaltigung mit, der versteht, dass Vergewaltigung schrecklich und falsch und schlimm ist: In welchen Situationen hast du gelacht? In welchen Situationen hast du geschwiegen?

Denn der Vergewaltiger in eurer Gruppe, dieser Vergewaltiger dachte, du bist auf seiner Seite. Dieser Vergewaltiger WUSSTE, du bist auch ein Vergewaltiger, so wie er. Er fühlte sich wertgeschätzt und er fühlte sich unter seinesgleichen.

Du. Der Verbündete eines Vergewaltigers.

Und wenn dir bei diesem Gedanken nicht unwohl im Bauch wird, wenn du dich nicht übergeben möchtest, wenn dich das nicht beunruhigt oder irritiert oder dich nicht zumindest zum nachdenken bewegt, in Zukunft NIE MEHR über solche Witze zu lachen, sie nicht mehr in deiner Gegenwart zu dulden und nicht mehr schweigend zu tolerieren…

… dann bist du vielleicht doch nicht so sehr gegen Vergewaltiger, wie du denkst, es zu sein.

Notiz: Eine schnelle und einfache Regel für Verhalten und Sprachgebrauch, wenn du ein anständiger Kerl sein willst: Frag dich, wer sich in deiner Gegenwart wohler fühlt, bei dem was du sagst und tust. Jemand die_der vergewaltigt wurde oder ein Vergewaltiger? Wer von beiden fühlt sich eher unwohl? Wenn du zum Schluss kommst, dass du etwas sagst oder tust, dass für mehr Wohlbefinden beim Vergewaltiger sorgt und für Unwohlsein bei Menschen, die vergewaltigt wurden, dann lass es sein.

* Im Orignal steht Männer anstatt jene. Da sich der Text jedoch an alle Menschen richten soll, haben wir das geändert.
** Im Rahmen dieses Artikels wird sich mit dem Ausdruck „Mann“ primär auf Cis-Männer bezogen und in begrenzem Rahmen an Personen die als männlich wahrgenommen werden. Analog wird der Begriff „Frau“ hier benutzt.

[1] http://www.shakesville.com/
[2] http://www.davidlisak.com/wp-content/uploads/pdf/RepeatRapeinUndetectedRapists.pdf
[3] Der Text ist aus dem englischen übernommen. Eine Quelle für diese Aussage wurde nicht genannt.

Übersetzung in Gemeinschaftsarbeit von Pro Change und Infrangibile.

Leseempfehlung

Zwei Texte von „The Academic Abolitionist Vegan“.

In this essay I will be addressing some common tools of dismissal utilized by those who adhere to sexism or otherwise seek to block feminism in Nonhuman Animal rights spaces (though, this essay has potential for general application to feminism in any space).

http://veganfeministnetwork.com/giving-real-feminism-a-bad-name/

Inhaltswarnung für den zweiten Text (V*rg*w*lt*g*ngsvergleiche)

TRIGGER WARNING: This essay contains a frank discussion of rape analogy in the Nonhuman Animal rights movement, including images that depict violence against women. There are also discussions of other forms of human suffering (like pedophilia and racism) that may be painful for some readers.
In this essay, I want to quickly address some common responses to Vegan Feminist Network’s position on misogynistic imagery as a tactic in Nonhuman Animal rights. I believe much of the response reflects a commitment to sexism, but some also reflects a general ignorance to the impact that patriarchal ideology and a social environment of misogyny has on the activist imagination.

http://veganfeministnetwork.com/fast-food-advocacy/

Stoppt Tierversuche – Nehmt „Kinderschänder“

„Wir sind eine Gruppe von sexualisierter Gewalt betroffener Veganerinnen und möchten unseren Unmut über Forderungen wie „Stoppt Tierversuche – Nehmt Kinderschänder“ zum Ausdruck bringen.

Schänden kommt von Schande über jemanden bringen und wird umgangsprachlich für entehren, besudeln oder beschmutzen verwendet. Diese Ausdrucksweise bezieht sich nicht alleine auf die Tatausübenden, sondern sie stigmatisiert gleichzeitig die Betroffenen. Die Gewalt, die Kindern angetan wird, verschleiert der Begriff jedoch. Mit der Verbreitung solcher, lediglich auf Emotionalisierung abzielenden Forderungen, werden Täter in den Mittelpunkt gestellt und die Betroffenen sexualisierter Gewalt und ihre Forderungen und Bedürfnisse als Nebensächlichkeiten dargestellt bzw. zur Gänze ausgeblendet. Häufig wird diese Forderung außerdem mit Bildern transportiert, auf denen Tiere zu sehen sind, die dem Kindchenschema entsprechen. Auch für die in Tierversuchen benutzten Tiere stellen diese Forderungen/Bilder keine Unterstützung dar, sondern zielen ebenfalls lediglich auf eine irrationale Täter-Fokussierung und impulsive Reaktion ab.

Sinnvoller ist sachliche Aufklärung über Tierversuche, vor allem über Alternativmethoden und die teilweise mangelnde Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen, beispielsweise mit Verweis auf im Tierversuch getestete Medikamente, die bei Menschen zu unerwünschten Nebenwirkungen und Behinderungen geführt haben, während diese bei nichtmenschlichen Tieren keinerlei unerwünschte Begleiterscheinungen hatten. Bei der Forderung „Stoppt Tierversuche – Nehmt Kinderschänder“ wird außerdem übersehen, dass nicht einfach willkürlich an jeder beliebigen Person Versuche durchgeführt werden können. Um zum Beispiel Medikamente gegen eine bestimmte Erkrankung entwickeln und Wirkmechanismen erforschen zu können, benötigt man Versuchspersonen, die diese Erkrankung aufweisen. Für seriöse Versuchsreihen und valide Statistiken wären hinreichend viele Straftäter mit den benötigten Erkrankungen notwendig, die jedoch nicht vorhanden sind. Solche Forderungen lassen gleichfalls Parallelen zur NS-Zeit erkennen, während der, unter Zwang und Gewaltanwendung, Menschenversuche durchgeführt wurden. Menschenrechte sind unveräußerlich und dürfen nicht für eine Gruppe Menschen außer Kraft gesetzt werden. Es ist verständlich wenn Betroffene und Angehörige/Freunde Rachephantasien haben. Eine humane Gesellschaft darf jedoch niemals und unter keinen Umständen eine Aufweichung von Menschenrechten zulassen.

Die Forderung ist also nicht nur unethisch, sondern wissenschaftlich unsinnig.

Ein weiteres Problem solcher Forderungen ist, dass sie in genau diesem Wortlaut von Neonazis verwendet werden, die die Empörung über an Kindern ausgeübte sexualisierte Gewalt und die an Tieren in Tierversuchen ausgeübte Gewalt instrumentalisieren, um in der Mitte der Gesellschaft Fuß zu fassen. Seriöse Organisationen und Betroffenenverbände, wie Wildwasser e. V. oder Zartbitter, nutzen solche Ausdrücke nicht.

Wir, als Betroffene, wünschen uns einen reflektierten Umgang mit den Themen sexualisierte Gewalt und Tierversuche. Wer sich gegen Tierversuche engagieren will, sollte sich informieren, so dass sachlich und wissenschaftlich fundiert argumentiert werden kann. Wer sich weiter informieren möchte, dem empfehlen wir folgende Seite: http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de

Wer sich für Betroffene sexualisierter Gewalt einsetzen möchte, hilft ihnen nicht mit unreflektierten Forderungen. Erstaunlicherweise haben wir im Zusammenhang mit „Todesstrafe für Kinderschänder“ oder „Stoppt Tierversuche – Nehmt Kinderschänder“ nirgendwo die Forderung nach unbürokratischem, zeitlich unbefristetem Zugang zu Therapien für Betroffene gehört oder gefunden. Wer Kindern helfen möchte, sollte sie ernst nehmen, ihre (körperlichen) Grenzen achten, nicht willkürlich fremde Kinder anfassen (z. B. den Kopf tätscheln) und sollte Kinder insbesondere ermuntern entschieden Nein zu sagen, wenn sie etwas nicht möchten. Weitere Informationen finden sich auf den folgenden Seiten:
www.zartbitter.de, http://www.wildwasser.de/, http://www.ifgbsg.org/, http://www.aerzte-gegen-tierversuche.de/en/

Diesen Text haben wir erstmals im August 2014 bei Facebook veröffentlicht.

Unser Titelbild ist von Dominik Bund
http://dominikbund.blogspot.de/
https://de-de.facebook.com/bund.fotografie